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Vom schleichenden Weg in die Sucht

04.09.2018

... von Frau Melanie Dahrendorf (Volksstimmeartikel vom 4. September 2018)

 

Ein Betroffener erzählt von seinem einstigen Alkoholmissbrauch – und wie eine Therapie sein Leben verändert hat.

 

Auf das Kassenband wird vor dem Bezahlen eine Schnapsflasche neben das Bier gelegt. Der Kunde sieht „heruntergekommen“ aus, eben so, dass man nicht viel länger neben ihm stehen möchte: Dieses Klischee taucht auf, wenn über Alkoholkranke gesprochen wird. Das Tückische daran: So offensichtlich sieht die Krankheit meist nicht aus. Sie geht durch alle Alters- und Gesellschaftsgruppen. Ein Betroffener erzählt von seinem Weg aus der Sucht.

 

Schönebeck l Wann es anfing? Das weiß Dirk E. gar nicht mehr genau. Er ist seit zwei Jahrzehnten alkoholabhängig. „Vom Genusstrinken zur Sucht“, erzählt er, „das war ein fließender Prozess.“ Ein normales und geordnetes Leben, eine berufliche Tätigkeit und eine Ehe. Zumindest bis zum Wendepunkt. Im Alter von 25 Jahren bekam er starke Rückenschmerzen. Ab und zu genehmigte er sich ein Bier – und die Schmerzen verschwanden. Zumindest für eine kurze Zeit. Ein bis zwei Getränke am Abend, das wusste Dirk E., würden zu einer Linderung beitragen.

 

„Ich bin ein Mensch, der viel vom Alltagsstress in sich hineinfrisst“, sagt er. Mit dem Alkohol konnte er sich den Mut antrinken, den er sonst als eher zurückhaltende Person nicht aufbringen konnte. In einer Runde mit Freunden und Bekannten sitzen, lachen, als Erster das Wort ergreifen: Für Dirk E. undenkbar, wenn er keinen Alkohol in Griffweite hatte. „Wenn ich trank, war ich nicht mehr die stille Person, sondern konnte aus mir herauskommen, mit anderen ins Gespräch kommen. Dann wurde ich gesellschaftlich wahrgenommen und akzeptiert“, erinnert sich der 57-Jährige. „Ich fühlte mich verstanden.“

 

Kontrollverlust kommt schleichend

Er habe schon immer die Leute bewundert, die pro Abend nur ein oder zwei Bier tranken und danach aufhören und nach Hause gehen konnten. Der Kontrollverlust kam jedoch nicht plötzlich, sondern schleichend. „Ich war ahnungslos und wusste gar nicht, wo die Krankheit anfängt.“ Er habe in dieser Zeit viel außerhalb gearbeitet. Dass er nicht frühmorgens mit dem Trinken angefangen habe, das betont Dirk E. öfter mit einem entschuldigenden Unterton. Mit seinem „wohlverdienten Getränk“ wartete er bis nach Feierabend um 18 Uhr. Wenn kein Alkohol im Hause war, wurde er nervös. „Wenn ich die Tür aufschloss und wusste, dass der Alkohol gekühlt in meinem Kühlschrank liegt – dann war alles super für mich.“

 

Dirk E. war in den 1990er Jahren selbstständig. In seinem Beruf eingespannt, kam die Pleite für die Firma überraschend. Plötzlich war er arbeitslos und saß auf 70 000 Mark Schulden. Nach seiner Selbständigkeit arbeitete er dann als Angestellter bis 2008, wurde dann wieder arbeitslos. Die neu gewonnene Zeit nahm er zum Anlass, um aufgrund seiner Diabetes zum Arzt zu gehen, um sich auch generell durchchecken zu lassen. Schon dort wurde deutlich, dass mehrere gesundheitliche Probleme da sind. „Wer geht auch schon zum Arzt, weil er eine Abhängigkeit bei sich vermutet?“, fragt er. „Meistens fällt sowas durch Routinekontrollen auf.“ Zum Beispiel, wenn Blut- oder Leberwerte bestimmt werden. Doch Dirk E. dachte sich auch nach den mahnenden Worten seines Arztes nichts dabei.

 

Tiefpunkt an der Tankstelle

Den extremen Absturz, den viele Personen als Wendepunkt voraussetzen, hatte Dirk E. nicht. Zumindest nicht im klassischen Sinne – Tiefpunkte gab es viele. Die Menge, sagt er, sei nicht entscheidend, wenn man von einer Alkoholabhängigkeit spricht: Acht Bier waren es bei Dirk E. mittlerweile, später zehn, meistens zwischen 18 Uhr bis zur Schlafenszeit. Irgendwann wechselte er zu Wein, in der Hoffnung, davon weniger zu trinken. „Den trinkt man ja schluckhaft und genießt ihn viel mehr – zumindest habe ich das gedacht.“ Dieser Plan ging nicht auf: Es wurden zwei Liter Wein am Tag, sein Rekord lag bei drei Litern. Immer zwischen den Flaschen: Der Kontrollverlust. „Es gibt einen Punkt, da kann einem keiner mehr helfen – dazu kam bei mir, dass mich ja niemand zum Trinken gezwungen hat.“

 

Dirk E. hatte sich betrunken, lief durch die Straßen. Sein Alltag bestand aus den Gedanken, die sich um das nächste alkoholische Getränk drehten. Das erste Mal versuchte er, sich seine Verhaltensmuster einzugestehen. Er sagte sich selbst noch im Rausch: „Jetzt reicht es.“ Er ging nachts zur nächsten Tankstelle und sagte der Angestellten, dass er betrunken sei und einen Krankenwagen bräuchte. Die Angestellte rief den Notarzt – und der erste Entzug begann. An einen anderen Alkoholkranken auf seiner Station erinnert er sich noch genau: „Er wurde eingeliefert und sagte kein Wort, litt ebenfalls an Diabetes und spritzte sich. Nachdem er drei Tage geschwiegen hatte, fing er plötzlich an zu sprechen.“ Allerdings waren seine Worte alles andere als beruhigend: „Drei Tage sind jetzt um“, sagte der Patient, „jetzt entlasse ich mich selbst.“ Dirk E. war baff. Wie konnte sich jemand, dem es offensichtlich noch schlechter ging als ihm, selbst entlassen? Ob er sowas öfter mache, frage er seinen Zimmergenossen. „Ja, das ist mein achtes Mal“, antwortet dieser. Dirk E. war sprachlos. „Das will ich nicht für mein Leben“, dachte er sich.

 

Sein Weg führte ihn vor knapp zehn Jahren schließlich zur Arbeiterwohlfahrt (AWO) nach Schönebeck – und Katrin Bock, die heutige Leiterin der Suchtberatung, wurde zu einer wichtigen Bezugsperson für ihn. „Sie begann, mir die richtigen Fragen zu stellen und vermittelte mir, was die Krankheit alles beinhaltet“, erinnert er sich. Doch der nächste Ausreißer ließ nicht lange auf sich warten:

 

Seine Ehefrau war beruflich verreist, auch das Geld war zur Abwechslung mal da: Dirk E. beschloss, in die Kneipe zu gehen. Schließlich habe er jetzt einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Er hatte seinen Mut zusammengenommen, war zur AWO gegangen und hatte sich Hilfe gesucht. Jetzt würde alles besser werden, da war sich Dirk E. sicher. Da würde das „kleine Glas“ die richtige Belohnung sein.

 

Bei einer kleinen Belohnung blieb es nicht. Alles, woran er sich nach seinem Kneipenbesuch erinnerte, war das Aufwachen mitten auf einer Straße. Dies war der Punkt für ihn, mit Hilfe der Suchtberatung einen Reha-Antrag zu stellen. Dann begab er sich zur Entwöhnungsbehandlung in eine Reha-Klinik. Ursprünglich dauerte der Aufenthalt vier Monate – doch Dirk E. schmiss nach der Hälfte der Zeit hin. Zu aufgebracht war er darüber, was die Mitarbeiter ihm damals vor Augen führten. Heute kann er darüber nur schmunzeln. „Natürlich habe ich damals gedacht, dass alle anderen an meiner miesen Situation Schuld sind – nur nicht ich selbst“, erinnert er sich. Und das, obwohl es ihm in der Klink gut gefallen hatte. „Es gab wirklich nichts zu meckern – eigentlich waren die Schwestern sehr nett, in der Klinik konnte man sich wohlfühlen – allerdings fühlte ich mich nicht wohl und stand mir selbst im Weg.“ Es folgte wieder der Griff zur Flasche.

 

Nach stationärer Therapie kommt die Nachsorge

Dieser Teufelskreis, ergänzt Katrin Bock, mache vielen Alkoholabhängigen zu schaffen: Sie trinken, erkennen, dass sie ein Problem haben, gehen (kurzzeitig) in den Entzug und glauben, dass sie die Sucht überwunden haben. Doch so läuft es nicht– das musste auch Dirk E. schmerzlich erkennen. Er suchte sich einen neuen Therapieplatz. Schließlich fand er eine für sich passende Klinik und blieb dort für vier Monate.

 

Nach der stationären Therapie begann die Nachsorge in der Suchtberatung. Alle sieben bis 14 Tage fanden Einzel- und Gruppengespräche statt, in dem Probleme in Bezug auf die Abhängigkeit besprochen wurden. „Ich musste mich dem Leben wieder stellen und ohne die sichere Käseglocke der Klinik wieder mit meinem Leben klar kommen.“ Der Weg nach der Therapie sei genauso wichtig: „Viele denken, sie gehen aus der Tür raus und haben es geschafft – doch wenn der Alltag wieder da ist, beginnt der Kampf erneut.“ Mit Kampf meint Dirk E. Situationen, in denen der Alkohol wieder greifbar nah erscheint: Ein Vorbeigehen an der Stammkneipe, ein gemütlicher Abend im Restaurant, geselliges Zusammensitzen mit Kumpels.

 

Ehe stark durch Alkohol belastet

„Mein Gehirn“, so Dirk E., „bezeichne ich als eine Art Computer. Und das Trinken ist ein Teil dieses Computers, welchen ich nie mehr löschen kann.“ Am schlimmsten sei für ihn der Blick in den Spiegel gewesen – und die Ehrlichkeit zu sich selbst, die man in der Alkoholabhängigkeit „zwingend wiederfinden“ sollte. Inzwischen ärgere er sich besonders um die verstrichene Zeit. So viel sinnvoller – das weiß er jetzt – hätte er seine Lebenszeit verbringen können.

 

Auch seine Ehe wurde durch den Alkohol stark belastet. „Der Alkohol hatte damals die Macht in der Beziehung übernommen“, erinnert sich Dirk E.: „Meine Frau trat in den Hintergrund und der Alkohol wurde immer wichtiger.“ Seine Frau habe das Trinken unbewusst unterstützt, indem auch sie Alkohol gekauft und gelegentlich auch mitgetrunken habe. „Wenn wir dann beide getrunken hatten, kam es auch häufiger zu Streitigkeiten, meist um das Thema Alkohol.“

 

Im Jahr 2017 hat die AWO-Suchtberatung im Bereich Schönebeck, Barby und Calbe insgesamt 194 Personen mit Alkoholproblematik betreut, wobei Katrin Bock das Problem als wesentlich größer einschätzt. Alkoholsucht ist eine Krankheit, die durch alle Schichten geht. „Es gibt nicht nur die schlecht riechenden und leicht verwahrlosten Leute, die jeder sofort mit dem Krankheitsbild assoziiert.“ Dirk E. ist ein freundlicher, fast schon zurückhaltender Mann. Man würde ihm nicht ansehen, dass er über 20 Jahre gebraucht habe, um seinen Weg zur AWO nach Schönebeck zu finden, um sich einer Therapie zu stellen. „Das sieht man den wenigsten Leuten an – nur ein Bruchteil der Alkoholiker entsprechen dem Klischee, welches durch die Medien vermittelt wird“, sagt er.

 

So wie den Anfang seiner Abhängigkeit kann er auch das Ende schwer benennen. Alkoholabhängigkeit, sagt Dirk E., ist keine Krankheit im klassischen Sinne. „Man kriegt keinen Gips und dann ist es nach wenigen Wochen weg – alkoholabhängig ist man sein ganzes Leben lang.“

 

Seit neun Jahren kann sich Dirk E. als trocken – also nüchtern – bezeichnen. „Ohne Therapie hätte ich es niemals geschafft“, sagt Dirk E., wenn er in seine Vergangenheit blickt. Inzwischen könne er beim Grillen neben Freunden sitzen, die ein Bier trinken, ohne selbst eines zu wollen. Sollte es ganz schlimm werden, könne er den Ort mittlerweile problemlos verlassen.

 

Der größte Wunsch für die Zukunft: Gesundheit

Inzwischen lebe er bewusster. Die Stimmungsschwankungen haben sich deutlich reduziert, nur manchmal habe er ein paar Gedächtnislücken. Die Therapie brachte seine guten Seiten zum Vorschein. „Ich bin viel zufriedener geworden. Und auch die Selbstsicherheit ist deutlich größer“, meint Dirk E. und Beraterin Katrin Bock nickt. „Du bist richtig aus dir herausgekommen“, sagt sie zu ihm.

 

Auch seine Ehe habe sich wieder erholt. Mit seiner Entscheidung, abstinent leben zu wollen und der entsprechenden Umsetzung hat sich in der Ehe auch der Umgang miteinander verbessert. „Meine Frau unterstützt mich und nimmt Rücksicht darauf“, erzählt Dirk E.. Sie habe sich mittlerweile mit dem Thema Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit intensiver auseinander gesetzt. „Heute gibt es wieder gemeinsame Unternehmungen und ein vertrauensvolles Eheleben“, ergänzt er.

 

Was in der Zukunft kommt, weiß Dirk E. nicht. Auf jeden Fall ist sein Blick dorthin optimistisch. „Gesundheit – das ist mein größter und einziger Wunsch“, sagt er und lächelt.

 

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Foto: Symbolfoto: Klaus-Dietmar Gabbert